Während am Lido die 83. Internationalen Filmfestspiele von Venedig laufen, richtet die Filmwelt ihren Blick für einen Abend ganz auf den KI-Film: Am Sonntag, dem 6. September 2026, kürt das Reply AI Film Festival in Venedig seine Gewinner. Zehn KI-generierte Kurzfilme aus aller Welt haben es ins Finale geschafft – ausgewählt aus tausenden internationalen Einreichungen. Die Preisgala steigt in der Match Point Arena des Tennis Club Venezia, mitten im Trubel des weltweit ältesten Filmfestivals.
Für uns ist das mehr als eine Randnotiz. Es ist eines der stärksten Signale des Jahres, dass generativer Film in der Mitte der etablierten Kinowelt angekommen ist – nicht auf einer Tech-Messe, sondern auf dem roten Teppich von Venedig. Und die zehn Finalfilme sind genau das, was unsere Rubrik „Sehenswert" meint: bemerkenswerte KI-Produktionen, von denen man als Macher etwas lernen kann.
Was das Reply AI Film Festival ist
Das Reply AI Film Festival wird vom internationalen Technologiekonzern Reply gemeinsam mit Mastercard ausgerichtet und ist an die Filmfestspiele von Venedig angedockt. Der Wettbewerb versteht sich als Brücke zwischen Kino und künstlicher Intelligenz: Filmschaffende weltweit reichen kurze Arbeiten ein, die wesentlich mit generativer KI entstanden sind, und konkurrieren um die Auszeichnung vor einer hochkarätigen Fachjury.
Das diesjährige Wettbewerbsthema lautet „Imaginatio Nova" – neue Vorstellungskraft. Es fordert die Teilnehmenden auf, KI nicht als Selbstzweck, sondern als Motor für originäre Bilder und Geschichten einzusetzen. Genau diese Stoßrichtung – Technik im Dienst der Imagination, nicht umgekehrt – erklärt, warum das Festival trotz seiner kurzen Geschichte in der Branche ernst genommen wird.
Der Ort ist dabei kein Zufall. Venedig ist das älteste Filmfestival der Welt und einer der drei großen A-Festival-Termine des Kalenders. Ein KI-Wettbewerb, der seine Gala genau hier, im Schatten der offiziellen Auswahl am Lido, abhält, beansprucht damit bewusst einen Platz im Zentrum der Kinokultur – nicht am Rand. Für die gesamte KI-Videobranche ist das ein Reputationsgewinn: Es zeigt, dass große Marken wie Mastercard und ernstzunehmende Filmschaffende bereit sind, generativen Kurzfilmen eine Bühne von echtem Gewicht zu geben.
Die zehn Finalisten
Diese zehn Kurzfilme stehen im Finale 2026:
- A Face Only A Mother Could Love – Robert Gaudette (Kanada)
- Centenarian Kindergarten – 2xLabs (China)
- GO HOME – Simone Paradiso (Italien)
- Kev – Mike Bennion (Vereinigtes Königreich)
- Le Drip – Alex Naghavi und Ezra Li (Australien/USA)
- Little Mes – Salad Collective (Spanien)
- Once Upon a Time on the Dnieper River – Yi Wang (China)
- Passenger – Yuanbo Song (China)
- The Child of the Sea – Ibai Abad (Spanien)
- Website – Jiaze Li (China)
Auffällig ist die Bandbreite: Von einem kanadischen Einzelkämpfer über spanische und italienische Autoren bis zu gleich vier chinesischen Beiträgen spannt sich das Feld. Es sind Soloregisseure ebenso vertreten wie Kollektive (Salad Collective, 2xLabs). Das zeigt, wie unterschiedlich die Produktionswege im KI-Film heute sind – und dass ein einzelner Mensch mit den richtigen Werkzeugen dieselbe Bühne erreichen kann wie ein ganzes Team.

Die Jury: Kinohandwerk trifft KI
Den Vorsitz der Jury führt der Oscar-prämierte italienische Regisseur Gabriele Salvatores (Mediterraneo). Um ihn versammelt sich ein international besetztes Gremium aus Regie, Produktion und Branche, darunter Rob Minkoff (Regisseur von Der König der Löwen) und Catherine Hardwicke (Twilight). Weitere Jurymitglieder sind Jed Weintrob, Giacomo Mineo, Jacopo Reale, Christina Lee Storm, Nils Hartmann, Brian Welk, Denise Negri, Filippo Rizzante und Guillem Martinez Roura.
Diese Besetzung ist ein Statement: Über KI-Filme urteilen hier keine reinen Technologen, sondern Menschen, die klassisches Kinohandwerk beherrschen. Wer diese Jury überzeugt, überzeugt mit Erzählung, Rhythmus und Bildwirkung – nicht mit dem bloßen Nachweis, ein neues Modell bedient zu haben.
Wann und wo
Die Preisverleihung findet am 6. September 2026 in der Match Point Arena des Tennis Club Venezia am Lido von Venedig statt – parallel zur 83. Ausgabe der Filmfestspiele. Die eigentlichen Gewinner stehen zum Zeitpunkt dieses Beitrags noch nicht fest; sie werden im Rahmen der Gala verkündet. Wir berichten über die Preisträger, sobald die Entscheidungen offiziell vorliegen.
Ein Hinweis zur Einordnung: Rund um das Festival kursieren teils widersprüchliche Angaben aus früheren Ausgaben – etwa zu Jury-Vorsitz, Thema oder Austragungsort. Die hier genannten Fakten beziehen sich ausdrücklich auf die aktuelle Ausgabe 2026 und stützen sich auf die offizielle Mitteilung des Veranstalters. Wer die Finalfilme selbst sichten möchte, findet die Beiträge und weitere Details über die offiziellen Kanäle des Reply AI Film Festival.
Was wir daraus lernen können
Für die Postproduktion und Bildgestaltung liefern die Finalfilme einen klaren Fingerzeig: Es sind nicht die spektakulärsten Effekte, die nach Venedig führen, sondern die stimmigsten Werke. Wer sich die Auswahl ansieht, erkennt wiederkehrende handwerkliche Tugenden – konsequente Farbwelten, ein bewusster Umgang mit Tempo und Schnitt, Tonebenen, die Emotion tragen, und Figuren, die über die Laufzeit hinweg konsistent bleiben. Genau an diesen Stellen entscheidet sich, ob ein KI-Kurzfilm als Film funktioniert oder als Techniknummer zerfällt.
Die Lehre für die eigene Arbeit ist deshalb unbequem und befreiend zugleich: Das generative Modell ist nur der Anfang. Der Unterschied zwischen einem viralen Clip und einem festivaltauglichen Film entsteht in der Nachbearbeitung – im Grading, im Sounddesign, im Rhythmus der Montage, in der Disziplin, eine Bildsprache über die gesamte Laufzeit durchzuhalten. Das Thema „Imaginatio Nova" bringt es auf den Punkt: Gefragt ist nicht die Technik, sondern die Vorstellungskraft, die man mit ihr formt. Wer seine KI-Rohbilder wie echtes Filmmaterial behandelt – also mit derselben handwerklichen Sorgfalt durch die Post schickt – produziert Arbeiten, die auch vor einer Kinojury bestehen.
Konkret lässt sich das in ein paar Arbeitsprinzipien übersetzen. Erstens: Farbe als Erzählmittel begreifen. Ein einheitlicher Grading-Look über alle Shots hinweg kaschiert die typischen Brüche, die entstehen, wenn Einstellungen aus verschiedenen Generierungen zusammengesetzt werden. Zweitens: Ton zuerst denken. Gerade weil viele KI-Modelle Bild ohne verlässlichen Ton liefern, ist ein bewusst gebautes Sounddesign – Atmos, Foley, Musik – oft der größte Hebel für emotionale Wirkung. Drittens: dem Schnitt vertrauen. Ein präziser Rhythmus, Mut zur Auslassung und klare Anschlüsse verwandeln lose Clips in eine Szene. Und viertens: Figurenkonsistenz zur Priorität machen, weil nichts einen Film schneller entzaubert als ein Gesicht, das von Einstellung zu Einstellung die Identität wechselt. Diese vier Stellschrauben trennen im KI-Film die Fingerübung vom Werk.
Nach Venedig kommt man nicht mit dem beeindruckendsten Effekt, sondern mit dem stimmigsten Film – die Entscheidung fällt in der Postproduktion.