Runway hat mit „Ruby" ein eigenes Modell veröffentlicht, das Standard-Dynamic-Range-Videos (SDR) in echtes HDR umrechnet – und zwar nicht nur für Clips aus dem hauseigenen Generator, sondern für beliebiges Material: Ausgaben fremder KI-Videomodelle ebenso wie selbst gedrehte Aufnahmen. Rund um den 20. August 2026 tauchte Ruby im offiziellen Changelog auf, kurz darauf machte Runway die Neuvorstellung breiter publik. Für alle, die KI-Videos nicht nur erzeugen, sondern auch sauber finishen wollen, ist das ein größerer Schritt, als der knappe Changelog-Eintrag vermuten lässt.
Runway-Mitgründer Cristóbal Valenzuela nennt Ruby „eines der am meisten erwarteten und am häufigsten gewünschten Features in fast acht Jahren Runway-Geschichte". Das klingt nach Marketing – trifft aber einen realen Schmerzpunkt: Bisher endete der KI-Videoprozess bei den meisten Tools im 8-Bit-SDR-Container. Wer daraus ein HDR-Master für Kino, Streaming oder moderne Displays machen wollte, musste in die klassische Post und dort mit Werkzeugen kämpfen, die für generiertes Material nie gedacht waren.
Was Ruby technisch macht
Ruby ist ausdrücklich als „natives Color-Grading-Modell" positioniert, nicht als weiterer Generator. Die Kernfunktion: Ein SDR-Clip von bis zu 30 Sekunden Länge geht hinein, ein HDR-Master kommt heraus – mit erweitertem Helligkeits- und Farbumfang. Runway gibt dafür konkrete Zielformate an, die in einer professionellen Pipeline zählen:
- 16-Bit-HDR als EXR-Sequenzen – das Austauschformat für VFX und High-End-Finishing, in dem Farbtiefe und Dynamik praktisch verlustfrei durch die Kette wandern.
- 10-Bit- und 12-Bit-ProRes sowie HEVC – die Codecs, die Schnitt- und Mastering-Systeme direkt verarbeiten, ohne Zwischenkonvertierung.
- Farbraum BT.2020 mit wahlweise PQ- oder HLG-Kurve – also exakt die Signalisierung, die HDR10-/Dolby-Vision-Workflows und Broadcast-HLG erwarten.
Wichtig ist die Reichweite der Eingaben. Ruby verarbeitet laut Runway Ergebnisse „aus jedem Modell, ob erst- oder drittanbieterseitig, oder eure eigenen bestehenden Videodateien". Damit ist das Modell kein reiner Runway-Veredler, sondern ein universeller SDR-nach-HDR-Konverter. Ein Clip aus Kling, Veo, Seedance oder eine mit der Kamera gedrehte Einstellung lässt sich genauso durchschicken wie ein Runway-Generat. Verfügbar ist Ruby in drei Kontexten: im Tool Mode, in Workflows und über Runway Dev, also die API – zunächst für zahlende Nutzer der höheren Pläne (Max bzw. Pro+) und für Enterprise-Kunden.

Warum ein eigenes Grading-Modell überhaupt Sinn ergibt
Runways Generatoren der Gen-4.5- und Aleph-Reihe können HDR-Signale bereits nativ ausgeben. Ruby setzt eine Ebene darüber an und löst ein anderes Problem: Es geht nicht um das Rendern neuer Bilder, sondern um das Anheben vorhandenen Materials in einen größeren Dynamikumfang. Genau hier liegt der praktische Unterschied. In einer echten Produktion stammt selten alles aus einer Quelle. Man mischt KI-Generate verschiedener Anbieter, Archivmaterial, Screen-Recordings und gedrehte Aufnahmen – und all das soll am Ende in einem konsistenten HDR-Master landen.
SDR nach HDR zu heben ist dabei kein simples „heller machen". Der Tone-Mapping-Prozess muss entscheiden, welche Bildbereiche in die neu gewonnenen Spitzlichter wandern, wie Hauttöne stabil bleiben und wie Rauschen oder Kompressionsartefakte nicht mitverstärkt werden. Klassische Umsetzer arbeiten mit festen Kurven; ein trainiertes Modell kann kontextabhängig entscheiden, was Himmel, was Neonschild und was Schatten ist. Das ist die Wette hinter Ruby – und der Grund, warum ein „Modell" statt eines Filters angekündigt wird.
Empfohlener Beitrag auf X
Beitrag auf X ansehen
Beim Laden werden Daten an X übertragen.
Die Formate sind die eigentliche Nachricht
Für Coloristinnen und Finisher steckt die Substanz in der Formatliste. Dass Ruby 16-Bit-EXR-Sequenzen ausgibt, bedeutet: Das Material kommt nicht als fertig „eingebranntes" HDR-Video, sondern als hochbittiefe Bildsequenz, die sich in DaVinci Resolve, Nuke oder Baselight weiterbearbeiten lässt, ohne dass Bänder abreißen. Wer schon einmal versucht hat, ein 8-Bit-H.264-File in Resolve auf HDR zu ziehen, kennt die Folgen – Banding im Himmel, abrisshafte Verläufe, tote Schatten. Eine 16-Bit-EXR-Basis verschiebt diese Grenze deutlich nach oben.
Die parallele Ausgabe in 10- und 12-Bit-ProRes und HEVC adressiert den anderen Teil der Kette: das direkte Weiterverarbeiten und Ausspielen. ProRes 4444 oder ProRes 422 HQ in 10/12 Bit ist der De-facto-Standard, mit dem Schnittsysteme ohne Transkodierung umgehen. HEVC wiederum ist der Weg zum HDR10-tauglichen Deliverable für Web und Streaming. Und die Wahl zwischen PQ und HLG ist keine Kosmetik: PQ (Perceptual Quantizer) ist die Grundlage für HDR10 und Dolby Vision, HLG (Hybrid Log-Gamma) der abwärtskompatible Broadcast-Standard. Dass Ruby beides beherrscht, heißt, dass sich sowohl ein Streaming-Master als auch ein sendetauglicher HLG-Clip aus derselben Quelle ziehen lässt.
Grenzen, die man kennen sollte
So stark die Formatpalette ist – ein paar Einschränkungen sind für die Projektplanung entscheidend. Erstens die 30-Sekunden-Grenze pro Durchlauf. Für Shots, Musikvideo-Segmente, Werbespots und Social-Clips ist das reichlich; ein durchgehender Langfilm-Akt lässt sich damit nicht in einem Rutsch graden, sondern muss in Einstellungen zerlegt und konsistent gehalten werden. Zweitens ist Ruby zunächst an die höheren Bezahlpläne und Enterprise gebunden – ein Kostenfaktor, den man gegen die Zeitersparnis in der Post rechnen muss.
Drittens, und das ist der eigentliche handwerkliche Punkt: Ein Modell-basiertes Tone-Mapping ist kein Ersatz für kreatives Grading. Ruby liefert eine technisch saubere, erweiterte Dynamik – aber der Look, die Handschrift, die bewusste Farbdramaturgie einer Sequenz entstehen weiterhin am Grading-Pult. Klug eingesetzt ist Ruby der Konvertierungs- und Vorbereitungsschritt, der Material überhaupt erst HDR-fähig macht, bevor die eigentliche Farbgestaltung beginnt. Wer erwartet, dass ein Klick den fertig gegradeten HDR-Film ausspuckt, wird enttäuscht – und sollte das auch gar nicht wollen.
Ein vierter Vorbehalt betrifft die Erwartungshaltung an „echtes" HDR aus SDR-Quellen. Informationen, die im SDR-Original nie aufgezeichnet wurden – ausgefressene Spitzlichter, abgesoffene Schatten – kann auch ein Modell nicht zurückholen. Ruby rekonstruiert und interpretiert plausibel, es erfindet keine verlorenen Details. Bei sauberem Ausgangsmaterial ist der Gewinn groß, bei stark komprimierten oder schon beschnittenen Clips fällt er entsprechend kleiner aus.
Einordnung: Der Finish-Schritt holt auf
Die KI-Videobranche hat in den letzten Monaten fast ausschließlich über Generierung gesprochen: längere Clips, bessere Physik, native Tonspuren, mehr Referenzbilder. Ruby verschiebt den Fokus auf das Ende der Kette – das Finishing. Das ist bemerkenswert, weil hier die eigentliche Lücke zwischen „beeindruckendem Demo-Clip" und „auslieferbarem Master" liegt. Ein KI-Generat sieht auf dem Laptop gut aus; ob es auf einem kalibrierten HDR-Monitor, im Kino oder im Streaming-Grading standhält, entscheidet sich in genau diesem Schritt.
Auch der Wettbewerb bewegt sich in diese Richtung: Lightricks etwa hat für LTX ebenfalls automatische SDR-nach-HDR-Konvertierung beworben, und die etablierten Grading-Suites integrieren zunehmend ML-gestützte Werkzeuge. Dass ausgerechnet Runway – ein Haus, das primär für Generierung bekannt ist – ein dediziertes Grading-Modell nachschiebt, zeigt, wie ernst der Finish als eigenständiges Produktfeld inzwischen genommen wird. Für die Branche heißt das: Die Bewertung eines KI-Videotools endet nicht mehr beim Prompt-Ergebnis, sondern reicht bis zum Deliverable.
Was das für eure Projekte bedeutet
Konkret verändert Ruby die Reihenfolge, in der wir KI-Material behandeln. Bisher war die ehrliche Antwort auf „Können wir das als HDR-Master ausliefern?" oft ein Kompromiss – Upscaling, händisches Nachziehen, Hoffen auf brauchbare Dynamik. Mit einem Modell, das gemischtes Material aus beliebigen Quellen in 16-Bit-EXR oder 10/12-Bit-ProRes mit BT.2020/PQ oder HLG hebt, wird der HDR-Weg auch für KI-lastige Produktionen realistisch planbar.
Für unsere Praxis bei ki-video.at ziehen wir daraus drei Konsequenzen. Erstens: HDR sollte künftig früher in der Konzeption mitgedacht werden, weil der Konvertierungsschritt nicht mehr der Flaschenhals ist – die Bildqualität des SDR-Ausgangsmaterials dagegen schon. Zweitens: Der Import in EXR-Sequenzen macht ein sauberes, verlustarmes Übergeben an Resolve oder Nuke möglich, statt am Ende ein fertig gebackenes Video mühsam zu retten. Drittens bleibt die kreative Kontrolle bei uns: Ruby liefert die technische Basis, die eigentliche Farbdramaturgie – der Look, der eine Marke oder eine Erzählung trägt – entsteht weiterhin bewusst am Pult. Genau diese Arbeitsteilung, Modell für die Konvertierung, Mensch für die Gestaltung, ist das produktive Muster, mit dem sich der neue Schritt lohnt.
Wer ohnehin auf einem der höheren Runway-Pläne arbeitet, sollte Ruby zeitnah mit typischem Projektmaterial testen – am besten mit einem gut belichteten SDR-Clip und einem grenzwertigen, um die reale Spannbreite zu sehen. Erst dann lässt sich seriös entscheiden, an welchen Stellen der HDR-Pipeline das Modell wirklich Zeit spart und wo die klassische Post die bessere Wahl bleibt.